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Musik für ein starkes Leben

„Die machen keine halben Sachen“

„Die machen keine halben Sachen“

Nürnbergs ehemaliger OB Dr. Ulrich Maly zu Stifterengagement und MUBIKIN

Als die Stifterfamilien Bouhon und Gierse mit ihrer Idee einer professionellen musikalischen Bildung für Kinder und Jugendliche in Kindergarten und Schule in Nürnberg das erste Mal auf Dr. Ulrich Maly zugingen, 2010, war er bereits acht Jahre als Oberbürgermeister im Amt. Jetzt, 2020, zieht er sich nach weiteren zehn Jahren aus dem Amt zurück. Ohne die kontinuierliche Unterstützung der Stadt Nürnberg als gleichberechtigter Partner wäre die Einführung und Verstetigung des Programms MUBIKIN nicht möglich gewesen. Zwei Wochen vor seinem letzten Arbeitstag nahm sich Maly zwischen vielen Online-Krisenbesprechungen zu Corona Zeit für ein Gespräch zum Engagement der Stadt und seine Ansichten zu MUBIKIN.

Herr Dr. Maly, welchen Bezug haben Sie persönlich zu Musik und musikalischer Bildung?

Tatsächlich ist mein Bezug ein eher passiver: Ich höre gerne Musik, bin aber in anderen Dingen besser begabt. Zum Beispiel singe ich schrecklich und bezüglich Instrumenten halte ich es mit dem Ausspruch von Johannes Heesters, „man müsste Klavier spielen können“. Vielleicht liegt das ja daran, dass zu meiner Zeit eine musikalische Früherziehung wie die von MUBIKIN gefehlt hat.

Um so mehr bin ich überzeugt, dass Kinder nicht nur in kognitiven Fächern, sondern auch in musischen wie Musik, Theater und in Sport gebildet werden sollen. Und genau deshalb war ich ganz schnell auch von MUBIKIN überzeugt.

MUBIKIN besteht nun im zehnten Jahr. Hätten Sie erwartet, dass dieses anfängliche Projekt sich so bewährt?

Es ist schon extrem ungewöhnlich, dass Stiftungen so lange an einem Projekt dranbleiben. Das war so nicht zu erwarten. Aber wenn man die Stifterfamilien Bouhon und Gierse kennt, ist das nicht mehr ganz so außergewöhnlich: Beide machen keine halben Sachen, beide wollen Dinge treiben und dabei die wohltuende Wärme der Bewegung erzeugen. Mittlerweile sind dank deren Initiative „Generationen“ von Kindern in den Genuss von MUBIKIN gekommen. Das ist schon sensationell!

Wie ist es, wie in diesem Fall in einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ mit privaten Stiftern zusammen zu arbeiten?

Da sind vor allem anfangs zwei Welten aufeinander geprallt. Die Stifter haben die Erfordernisse und Bedingungen einer städtischen Verwaltung nicht immer ganz verstanden. Zum Beispiel wenn es um die Einstellung von musikpädagogischen Fachkräften geht. Da gab es immer wieder interessante Debatten, vor allem der Stifter mit dem Kämmerer.

Auf der anderen Seite ist es schön zu sehen, dass so Manches doch vorangeht, von dem die Verwaltung sagt, das geht nicht. Wenn einer voller Energie anfängt, den Stein des Sysiphos zu wälzen, dann bewegt sie sich halt doch mit. Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt und schätzen uns.

Der Nürnberger Stadtrat hat sich dieses Jahr nach 2017 zum zweiten Mal einstimmig für eine Fortsetzung des Programms und eine Aufstockung der Mittel ausgesprochen? Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Beschlussfassung war in diesem Fall nicht nur einstimmig, was öfter vorkommt, sondern auch völlig reibungslos. Das ist ganz klar eine Würdigung der Erfolge des Programms und vor allem des Stifterengagements.

Welchen Einfluss hat MUBIKIN auf das städtische Leben?

In erster Linie hat das Programm Einfluss auf die Kinder selbst. Musik macht Kinder stärker und selbstbewusster. MUBIKIN ist auch gut für die Familien, denn es ermöglicht Chancengerechtigkeit. Und es schafft ein Stück Bildungsgerechtigkeit. Denn mit dem Programm verbessern sich auch die Noten in den kognitiven Fächern. MUBIKIN kommt zu den Kindern, das ist der große Unterschied zum Beispiel zur Musikschule.

Hätten Sie sich auch eine räumliche Ausdehnung von MUBIKIN über die acht Schulsprengel hinweg gewünscht?

Natürlich hätten wir uns MUBIKIN flächendeckend gewünscht. Dazu hätten wir allerdings als weiteren starken Partner den Freistaat gewinnnen müssen. Das ist uns leider nicht gelungen, und das bedauere ich. Auch auf Landesebene hält man MUBIKIN zwar für ein super Projekt, scheut aber den Präzedenzfall.

Was halten Sie von privatem Engagement im Bildungsbereich, das ja die Bildungshoheit des Staates berührt?

Der Staat hat zwar in Richtung musischer Fächer schon einiges gelernt, aber betont aus meiner Sicht immer noch zu sehr die kognitiven Fächer. Deshalb begrüße ich grundsätzlich, wenn die ganzheitliche Bildung mehr gefördert wird wie schon an einigen Privatschulen in Nürnberg.
Die Initiative der Stifterfamilien Bouhon und Gierse, die zur Einführung von MUBIKIN auch an Grundschulen führte, sehe ich nicht als Eingriff in die Bildungshoheit, sondern als Bereicherung.

Bedauern Sie, dass Sie die neue Kooperationsvereinbarung mit Gültigkeit bis 2026 nicht mehr selbst unterschreiben können?

Als Oberbürgermeister findet man laufende Themen vor, und hinterlässt laufende Themen, mit denen der Nachfolger zurechtkommen muss. Was MUBIKIN angeht, ist die Kontinuität gesichert. Denn Marcus König ist seit zwölf Jahren im Stadtrat, er wird das Programm auch in seinem neuen Amt mit Vergnügen begleiten.

Fotos: Michael Matejka

Dr. Ulrich Maly war von 2002 bis 2020 Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg. Von 2013 bis 2015 war er zusätzlich Präsident des Deutschen Städtetages, anschließend dessen Vizepräsident. Davor war er seit 1996 Kämmerer der Stadt. Maly ist echter Nürnberger, er wuchs auf in Schweinau. 

Als Oberbürgermeister war ihm vor allem das Thema Integration wichtig, zum Beispiel mit dem Projekt „Spielend lernen in Familie und Stadtteil“, durch das sozial benachteiligte Familien in bestimmten Stadtteilen gezielt gefördert wurden.

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